» Wir Zugvögel «

künstlerisches Abenteuer und gesellschaftliches Narrativ *.

* mit Fragen im Gepäck


Was ist eine Gesellschaft ohne Musik?


Gänsehaut im Film.

Berührtheit in der Oper.

Verbundenheit im Stadion.

Beim Heiraten. Beim Autofahren. Beim Putzen.


Musik prägt und trägt, ja sie beflügelt unser Leben.


Das wissen wir, weil wir es tagtäglich genau so  erleben.

 

Als die "stille Mehrheit" unserer Gesellschaft ein Zeichen setzen wollte gegen jene Fremdenfeindlichkeit, die sich im Sommer 2018 auf den Straßen von Chemnitz Bahn brach, war es ein Rock-Konzert, das mit dem hoffungsvollen Versprechen  "Wir sind mehr" weit über 60 000 Menschen mobilisierte.

 

Es ging dabei aber nicht nur um die imposante Veranschaulichung einer Überzahl. Bei genauerer Betrachtung ging es an jenem Abend auch um die gesellschaftliche und offenbar überfällige Antwort auf die Frage, wer wir im Kern sind. Wenn ich hier von "Kern" spreche, dann meine ich damit unsere Werte.

 

Wir sind in der Tat mehr. Wir sind dann mehr - und das meine ich hier nun nicht quantitativ, sondern qualitativ -, wenn unsere Kultur jene Werte widerspiegelt, die von Freiheit, Gleichheit und Solidarität zeugen.

 

Wir brauchen unsere Kultur.

 

Das für sich betrachtet ist schon eine wichtige, wenn auch nicht neue Erkenntnis.

 

Jetzt kommt der Perspektivwechsel:

 

Unsere Kultur braucht uns.

 

Diesen Satz kann man aber auch so betonen: Unsere Kultur braucht uns. Das ist der Aspekt, den ich hier vertiefen möchte.

 

Wenn ich von "brauchen" spreche, meine ich damit einen würdigen Umgang mit dem Wert und Stellenwert von Kultur in unserer Gesellschaft; unser Bewusstsein  und unsere Bereitschaft dafür, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es der Kultur im Allgemeinen und der Musik im Besonderen überhaupt ermöglichen, jener Spiegel zu sein, der uns hilft, uns auf unsere gemeinsamen Werte zu besinnen.

 

Wie verhält es sich mit diesen Rahmenbedingungen?

 

Musik war noch nie so verfügbar wie heute.

 

Mit Verfügbarkeit meine ich beispielsweise, dass wir uns auf Youtube schier unendlich viel Musik anhören können, ohne dafür auch nur einen Cent auszugeben. Allenfalls ein bisschen Werbung nehmen wir dafür in Kauf. Ähnlich verhält es sich mit Musik-Streaming-Diensten. Auch dort bekommen wir für vergleichsweise wenig Geld ein nahezu unerschöpfliches Angebot.

 

Wir erleben Musik durch diese Verfügbarkeit zunehmend als Selbstverständlichkeit.

 

Die entsprechende Gleichung und Logik dahinter lautet in etwa: Was uns immer zur Verfügung steht, steht uns auch immer zu.

 

Für Musiker*innen bedeutet diese Verfügbarkeit indes in den meisten Fällen weniger als 10 Euro Vergütung pro 1000 Streams - also weniger als 0,005 € pro angehörtem Titel. Wenn man sich vor Augen hält, wie viel Freude ein Song bereitet, der 70 Mal aufgerufen wird, und dem entgegenstellt, dass ein/e Musiker*in dafür gerade mal ein Brötchen kaufen kann, landet man leider beim althergebrachten Klischee der brotlosen Kunst. Im Gegensatz zu früher, als man Musiker*innen bisweilen zurecht unterstellte, sie gingen bei der Ausübung ihrer Passion nicht ausreichend professionell zu Werke, müssen wir an dieser Stelle anerkennen, dass Wertschätzung und Wertschöpfung heute in keinem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen und wir damit selbst noch so professionell aufgestellten Musiker*innen den fruchtbaren Boden des Ertrags unter den Füßen wegziehen.

 

Wie in jeder anderen (Liebes-) Beziehung, gilt auch im Umgang mit Musik: Wenn wir etwas, das uns wichtig ist, als Selbstverständlichkeit hinnehmen (also wenig bis nichts dafür zu geben bereit sind), nehmen wir damit nicht nur Bedeutungslosigkeit, sondern in letzter Konsequenz sogar Verlust in Kauf.

 

Ich für meinen Teil frage mich bei der populären Musik der letzten Jahre häufig, ob sie wohl bedeutsam genug ist, um auch in 10 Jahren oder darüber hinaus noch gespielt und zitiert zu werden. Stand heute vermute ich, dass wir auch in 10 Jahren noch auf Klassiker wie Paul McCartneys und Stevie Wonders "Ebony and Ivory" oder Bob Marleys "One Love" zurückgreifen werden, um zu zelebrieren, was uns verbindet.

 

Es ist ja nicht nur so, dass Musik uns als Korrektiv dienen kann, wenn wir gerade Gefahr laufen, unsere gesellschaftlichen Werte aus den Augen zu verlieren. Sie kann uns auch dazu ermutigen, den Traum von einer besseren Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Und träumen, ja das müssen wir. Denn eine Gesellschaft ohne Träume wäre noch trostloser als eine Gesellschaft ohne Musik. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob sich die beiden überhaupt voneinander trennen lassen. So oder so geht es um nichts Geringeres als unsere Zukunftsmusik.

 

Wenn wir heute mehrheitlich Musik präsentiert bekommen, die nicht bedeutsam ist, dann sagt das also vor allem etwas etwas über uns als Gesellschaft aus.

 

Dass wir uns Musik nichts mehr kosten lassen, könnte uns, der "stillen Mehrheit", schließlich jene Stimmen kosten, die uns mit Aussagekraft und klarer Haltung als Sprachrohre dienen. Mit Blick auf den Stimmenfang populistischer Schreihälse ist das unklug, bedenklich, ja sogar fahrlässig. Anders formuliert dürfen wir uns diesen Verlust in meinen Augen einfach nicht leisten.

 

Weil es demnach nicht nur um Fairplay, sondern auch und vor allem um unser demokratisches Selbstverständnis geht, sollten wir etwas ändern, meine ich. Uns, um genau zu sein. Das sind die guten und schlechten Neuigkeiten zugleich. Sie bedeuten einerseits, dass wir es selbst in der Hand haben und andererseits, dass nichts passieren wird, wenn wir es nicht in die Hand nehmen.

Tatsächlich habe auch ich dazu gerade mehr Fragen als Antworten; Fragen wie diese:


  • Wie bereiten wir heute das Feld für aufkeimende und nachwachsende Kultur - im Kleinen wie im Großen?
  • Wie nehmen wir im flüchtigen Grundrauschen unseres Zeitgeistes die leiseren bzw. bedeutsameren Töne wahr?
  • Wie lernen wir, uns (wieder) auf Neues einzulassen? Ich meine damit jene Musik, die uns nicht gleich beim ersten Anhören gefällig vertraut ins Ohr tropft.
    Anders formuliert: Wie setzen wir uns mit der uns umgebenden Komplexität auseinander, anstatt uns von ihr ablenken zu lassen?

Das Album-Projekt » Wir Zugvögel « erhebt nicht den Anspruch, allgemeingültige oder eindeutige Antworten auf diese Fragen geben zu können. Es ist eine Art Annäherungsversuch - ein Narrativ, das den Entstehungsprozess eines Albums und dessen aktuelle Herausforderungen nachvollziehbar machen möchte. Es will aber auch den Zusammenhalt unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen im Allgemeinen und die Verbundenheit zwischen Menschen im Besonderen unterstreichen und damit veranschaulichen, was Musik kann: Brücken bauen.

 

"Aufklären anstatt Beschweren.", könnte das Motto dazu lauten.

 

Indem ich 10 ausgeloste Personen zum Inhalt der 10 Kompositionen gemacht habe und möglichst viele Menschen bei der (Vor-) Finanzierung des Albums miteinbeziehe, schaffe ich ein Werk, das zugleich ein Netzwerk ist - ein Netzwerk bestehend aus Menschen, die ihrer Wertschätzung von Musik einen ganz konkreten, nämlich monetären, Ausdruck geben.

 

Die angestrebten 20 000 Euro werden ein professionelles Studio mit Flügel und die Zusammenarbeit mit inspirierten Musikerkolleg*innen ermöglichen, die allesamt fair bezahlt werden sollen. Geflogen wird nämlich nicht nur nach vorn, sondern in der Musik auch am besten in stimmiger Gemeinschaft.

 

Auch wenn der Trend beim Musikkonsum zunehmend in Richtung Streaming geht und so manch Haushalt keinen CD-Spieler mehr besitzt - » Wir Zugvögel » wird es nicht nur digital, sondern auch in Form einer CD zum Anfassen und Erleben geben. Das Booklet wird alle Liedtexte umfassen und fotografische Einblicke in die Zugreisen geben.

 

Manchmal muss man Dinge in die Hand nehmen können, um ihren Wert zu erfahren.

 

Und manchmal muss man Dinge in die Hand nehmen, um ihnen einen Wert zu geben.